9. Juni, 19:30 Uhr: Anja Golob in der Buchkönigin Neukölln

Die engagierteste Lesung des Jahres: Periskop trifft Anja Golob und sie hat viel zu sagen. Auch da, wo sonst nur Pausen sind.

Anja Golob - Lesung

„Zwei Gedichtbände auf Slowenisch, einer in deutscher Übersetzung“ – ließe sich Anja Golob (*1976) damit auf einen Punkt bringen? Nun, man könnte noch hinzufügen, dass sie mit ihrem zweiten Gedichtband Vesa v zgibi (Der gekrümmte Hang) den Jenko-Preis 2014 für die beste Lyrik-Neuerscheinung der letzten zwei Jahre gewonnen hat. Es würde vielleicht auch helfen, die zahlreichen Veröffentlichungen ihrer Gedichte in Magazinen zu erwähnen. Und dann wären dann ja auch noch die 750 Theaterkritiken…

Anja Golob auf einen Punkt zu bringen scheitert

Sie ist wohl eher multi. Immerhin tritt die Lyrikerin schon einmal eine der lebendigsten Debatten der aktuellen Literaturlandschaft Sloweniens los. Gleichzeitig arbeitet sie als Übersetzerin, Dramaturgin für moderne Kunst, Tanz-Performances und hat einen Verlag mitgegründet. Anja Golob hatte ihren Lebensmittelpunkt bereits in Lubljana, Brüssel und London (aktuelle Position vakant). Und das Jahr ist kaum in den Frühling gekommen, da stehen schon sieben Länder auf ihrem Reiseplan 2016. Zum Glück auch Berlin.


Die Buchkönigin
Hobrechtstraße 65, 12047 Berlin Neukölln
U7, U8 Hermannplatz
Donnerstag, 9. Juni, um 19:30 Uhr


Verraten wird schon jetzt: wer Anja Golobs Lyrik einmal gehört hat, wird ihren Gedichtband „ab und zu  neigungen“, liebevoll herausgegeben vom hochroth Verlag, ziemlich sicher sofort kaufen wollen. Das könnte aber auch an ihrer Performance liegen, die ist manchmal schon ein bisschen Rock ’n‘ Roll…

Neugierig?

 

 Aderndraht
 
© Anja Golob, 2013
Veröffentlicht in: „ab und zu  neigungen“, hochroth, Wien 2015
Aus dem Slowenischen von Urška P. Černe und Uljana Wolf.
Dieses träumt mir: Finger hat das Tier.
Es liegt seitlich, ich seh’ seinen Rücken,
den Kopf nach vorn geneigt, als wär’ es
scheu, es schwingt ihn rhythmisch, leise.
Mit mechanisch leeren Griffen wühlt es
in einem frischen Riss, seine Finger fahren
achtsam durchs Gewebe, suchen Adern.
Eine nach der andern zieht es heraus, so sind sie leichter zu halten –
feine Adern, aber kräftig, wie Drähte in einer Stromschaltung –
man kann sie nur mit Mühe zerreißen, einzeln, nacheinander.
Das Tier schafft lautlos, reglos fast, legt langsam
und bedacht den Puls zum Herzen lahm,
das ächzend zufällt, wie beim Tier der Vorhang der Pupille.
Drumherum der Raum ist leer, mit eine Sickerpfütze Blut
gefüllt, über die es nicht mehr herrschen kann noch will.
Der Mantel seiner Haut ist auf’s Skelett gestreckt, ein
schlaffes Zelt im Frühjahrswind, davor liegen, wie
hingeworfenes Gepäck, gestrandete Organe.
Das Tier schnappt Luft (der Körper ist Maschine), es horcht,
es schrumpft, versumpft, streckt lautlos seine Finger von sich
und erstarrt dann im Triumph.

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