31. Oktober, 19:00 – an hohen feiertagen und im stau

Eine performative Lesung mit Lucija Stupica und Tone Škrjanec

lucija tone

Lucija Stupica und Tone Škrjanec: zwei außerordentliche poetische Stimmen aus Slowenien lesen ihre Poesie, neuübersetzt und begleitet mit Musik und Film.

LucijaStupica-fotoJože Suhadolnik (2)

 

Lucija Stupica 

erhielt 2010 den deutschen Hubert Burda Preis für osteuropäische Lyrik und 2014 den schwedischen Klas de Vylder Preis für Literatur. Sie ist Autorin zahlreicher interdisziplinärer künstlerischer Projekte.


Lucija Stupica: Rote Landschaft

In der Sommer des Lebens werden wir vielleicht beide erkennen:
Wir sind eine Abfolge lächerlicher Zufälle.
Vielleicht werden wir erkennen: Das Leben
ist lächerlich, wir kappen seine Beine
zu Starre, Trauer, Unfreiheit –
ganz einfach: Weil wir es fürchten.
Und vielleicht ist das Meer zwischen
deiner Insel und meinem Festland
ein Abgrund, ein Strudel, ein Innehalten,
etwas, das mahnt.
Oder, im Gegenteil, ein Spiegel
für Mond, Wolken, Worte.

Wir wissen wenig.
In meinem Land sind die Träume größer,
in deinem werden sie eingeebnet, werden sie Flachland.
Dort weiden zwei rehe; als ich sie Bemerke,
springt das kleinere auf, läuft stracks zur Straße,
das zweite folgt ihm, aber anders, vorsichtiger,
umsichtig,
und es scheint, als wollte es dem ersten sagen:
– Nein, meine Kleine, nein. Dort ist die Straße, du wirst überfahren!

Wir wissen nicht. Wir verstehen nicht.
Woher wir auch eintreffen, wohin wir auch aufbrechen,
wir verstehen nicht. Es gibt keinen reinen Weg. Keinen reinen inneren Weg.
Und jeden Tag bekommen wir zu hören, wir seien zu viele.
– Die Straße ist rot, die Landschaft ist rot.

(aus dem Slowenischen von Fabjan Hafner)

 

TOne š 2

 

Tone Škrjanec wurde im Mai 2017 mit dem slowenischen nationalen Poesie-Preis „čaša nesmrtnosti“ für sein hervorragendes Opus ausgezeichnet. Er veröffentlichte zahlreiche Gedichtbände und Albums mit Poesie und Musik

Tone Škrjanec: traumgedicht

heute bin ich viel auto gefahren. fast den ganzen tag. vorbei huschte eine
vollkommen flache landschaft mit ein paar weilern mit je zwei oder drei
häusern da und dort. um sie herum wuchsen niedrige bäume. ich sah oder
traf keine menschen, keine tiere. was die vögel betrifft, bin ich mir
nicht ganz sicher. ich sah nicht besonders oft nach oben. am tagesende
erreichten wir ein dunkelblaues, auch ein bisschen violettes häuschen.
darin lebt eine ältere dame. in fensterkästen zieht sie rote und gelbe
blumen. sie hat den körper einer jungen frau. ihre schamlippen sind etwas
vergrößert. sie trägt ein pepitakleid aus leichtem material. weiß mit
hellgelben punkten. sie benimmt sich, als wäre wir nicht hier. deshalb
halten wir auch nicht, sondern drosseln nur das tempo, um die frau mit
den großen lippen und dem dunkelblauen haus sehen zu können. alles bleibt
weiterhin flach. und hinten der himmel. wir fahren weiter. halten einen
kristall in den händen. achten darauf, dass er nicht zerbricht. wir rauchen
nur hin und wieder. an hohen feiertagen und im stau.

(aus dem Slowenischen von Fabjan Hafner)

 


Lettrétage

31. Oktober 2017 um 19 Uhr

Mehringdamm 61, 10961 Berlin

U-Bahn Mehringdamm

EINTRITT: 5,–/ erm. 4,– Euro


In Zusammenarbeit mit:

Mit freundlicher Unterstützung von:

logo-jak-english

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.